Extrem belastbar, zielorientiert, immer auf 100 Prozent – und gleichzeitig feinfühlig, tiefgründig und schnell überreizt? Was auf den ersten Blick wie ein Widerspruch wirkt, ist für viele Führungskräfte und Unternehmer Realität: die Kombination aus High Performance und Hochsensibilität.
High Performer gelten als extrem belastbar, Hochsensible als schnell überreizt. Wie passt das zusammen – und wo liegt hier eine versteckte Stärke? Lass uns genauer hinschauen.
High Performer gelten als extrem belastbar, Hochsensible als schnell überreizt. Wie passt das eigentlich zusammen?
Das passt sogar sehr gut zusammen. Hochsensible High Performer verfügen über eine ausgezeichnete Menschenkenntnis, die sie in allen Beziehungen – ob zu Kolleginnen und Kollegen oder Kunden – wertschöpfend einsetzen. Ihre ausgeprägte Intuition, die Detailwahrnehmung und Empathiefähigkeit sind echte Mehrwerte für das Abteilungsklima und den unternehmerischen Erfolg.
Viele erfolgreiche Menschen wissen gar nicht, dass sie hochsensibel sind. An welchen Signalen erkennt man das?
Wir messen die Sensibilität vor allem an der Wahrnehmung von Umweltreizen. Hochsensible Persönlichkeiten registrieren Stimmungen im Raum sofort: ungesagte Konflikte, Spannungen oder die aktuelle Gefühlslage von Mitmenschen.
Auch akustische, visuelle oder körperliche Reize werden im persönlichen Erleben intensiver verarbeitet als beim Durchschnitt. Grelle Lichter, Lärmempfindlichkeit oder feine Nuancen wie bestimmte Texturen auf der Zunge oder kratzige Kleidung sind typische Indikatoren für eine hochsensible Wahrnehmung. Natürlich biete ich in meiner Praxis auch einen Test dazu an.
High-Performance-Arbeitswelten sind laut, schnell und fordernd. Was sind die effektivsten Sofort-Tipps, um Reizüberflutung im Büroalltag zu regulieren?
Stimmt, das Nervensystem von Hochsensiblen läuft in solchen Umgebungen oft im Dauerfeuer. Ich empfehle, sich ein persönliches Toolkit zusammenzustellen:
1. Audio-Fokus: Meditation oder Entspannungsmusik, die in überspannten Momenten griffbereit ist und sofort angehört werden kann.
2. Die 4-6-8-Atmung: Bewusstes Atemzählen und längeres Ausatmen ist eine bekannte und effektive Methode, um dem Nervensystem zu signalisieren: „Hey, es ist alles gut. Es besteht keine Gefahr.“
3. Kreativität & Zeichnen: Etwas auf dem Tablet oder einem Block zeichnen. Gerne auch einfach etwas zum Lachen malen!
4. Frische Luft & Bewegung: Ein kurzer Spaziergang hilft dem gestressten Nervensystem, wieder in Balance zu finden.
5. Ein olfaktorischer Anker: Duft-Anker, beispielsweise mit Orangen- oder Zitronenduft. Darauf reagiert das Nervensystem vieler Menschen sehr positiv.
Wichtig ist zu verstehen, dass Entspannung nicht ewig aufgeschoben werden kann. In Hochanspannungsphasen müssen bewusst Pausen eingehalten werden, da sonst die Gefahr eines Burnouts droht.
Woran merke ich als High Performer den Unterschied zwischen einer temporären Reizüberflutung und einem beginnenden klassischen Burnout?
Der entscheidende Unterschied liegt in der Erholungsreaktion. Bei einer temporären Reizüberflutung hilft es, sich kurz rauszunehmen und bewusst Ruhe zu suchen. Der Akku ist zwar leer, aber intakt.
Wenn hingegen selbst nach einem Urlaub Symptome wie eine bleierne Grundmüdigkeit, chronische Erschöpfung, der Verlust der Freude an der Leistung und eine erhöhte Reizbarkeit bleiben, ist der Akku tiefgreifend erschöpft. Das ist dann der Einstieg in ein Burnout.
Was sind die häufigsten Themen, mit denen du in deiner Praxis arbeitest?
- Zuallererst sehnen sich die meisten nach mehr innerer Ruhe und echten Pausen im Kopf.
- Danach geht es sehr viel um gesunde Abgrenzung: Wie zieht man klare Grenzen, ohne das Gefühl zu haben, die eigene Leistungsfähigkeit infrage zu stellen oder andere hängen zu lassen?
- Der dritte Klassiker ist der Perfektionismus gepaart mit dem Imposter-Syndrom. Hier gilt es zu lernen, dem ständigen inneren Kritiker anders zu begegnen, statt sich von ihm antreiben zu lassen.
Der direkte Ratschlag zum Schluss: Was ist dein wichtigster Impuls für Leserinnen und Leser, die merken, dass hoher Leistungsanspruch und feine Wahrnehmung kollidieren?
Dein hoher Anspruch und deine feine Antenne sind keine Last, sondern dein wertvollstes Instrument – solange du sie kalibrierst.
Der wichtigste Impuls lautet: Verwechsle Sensibilität nicht mit Schwäche und Perfektionismus nicht mit Professionalität.
Hör auf, deine Grenzen zu verhandeln. Plane deine Kapazität stattdessen als feste Größe in deinem Business ein, bevor dein Nervensystem den Not-Stopp einlegt.

